logo

Zeitgeschichtliches Archiv

24 Januar 2022

Bedeutende Zeitungssammlung zur deutsch-deutschen Geschichte muss gerettet werden!

Deutsche Geschichte von 1945 bis 1992. Das ist die Zeit der Besatzungszonen, das Ringen um eine Wiedervereinigung, die doppelten Staatsgründungen DDR/BRD und ihre gegenseitige Konkurrenz, der Mauerbau, aber auch der Alltag der Menschen in den unterschiedlichen Ökonomien, Sozialpolitiken und kulturellen Kontexten. Dann Wende, Mauerfall und die beginnende Transformation des Ostens.

In den Zeitungssammlungen des Zeitgeschichtlichen Archivs in Berlin-Marzahn bildet sich diese deutsche Geschichte minutiös ab. Von herausragender Bedeutung sind dabei die Zeitungsausschnittsammlungen zweier namhafter DDR-Institutionen. Das Deutsche Institut für Zeitgeschichte und seine Nachfolgeeinrichtung, das Institut für Internationale Politik und Wirtschaft gehörten zu den bedeutendsten Einrichtungen der Politikberatung für die Partei- und Staatsführung der DDR. Deren Akten befinden sich heute im Bundesarchiv und bleiben so der Nachwelt erhalten. Nicht aber deren umfangreiche Zeitungsausschnittsammlungen, die - in jahrzehntelanger Arbeit angelegt - eine wahre Fundgrube für zeithistorische Recherchen sind. Hunderte deutschsprachiger Zeitungen und Zeitschriften aus Ost wie West wurden professionell ausgewertet und archivalisch in eine dichte, systematische Struktur relevanter Themen aus Perspektive der DDR-Führung gruppiert. Auch das zentrale Pressearchiv des Verlags Neues Deutschland, der thematische Sammlungen zu Personen und Ereignissen angelegt hatte, gehört zu den Beständen in Marzahn. Sieht man diese Archive zusammen mit dem ebenfalls dort lagernden historischen Redaktionsarchiv der Westberliner Zeitung Der Tagesspiegel, entsteht ein gegenseitiges Abbild der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Zeitungsausschnitte und ihre physische Ordnung zeigen zusammen mit den erhaltenen Schlagwortkarteien, Thesauri und Themengliederungen, wie der Osten den Westen sah und wie der Westen den Osten. Als materielle Zeugnisse tragen sie außerdem in Form von Anstreichungen und Randbemerkungen Spuren ihrer Be- und Verarbeitung in den verschiedenen politischen Systemen.

Das Zeitgeschichtliche Archiv in Marzahn gehört zum gemeinnützigen Verein Berlin-Brandenburger Bildungswerk. Diesem Verein ist es zu verdanken, dass die Zeitungsausschnittsammlungen bisher vor der Vernichtung bewahrt werden konnten. In den Depot-Räumen in Marzahn lagern mehr als 29.000 Ordner, 5.100 Archivkartons, dazu das Tagesspiegel-Archiv, Zeitungen aus der Kaiserzeit, der Weimarer Republik, BRD, DDR, West- wie Ostberlin in Einzelexemplaren oder in gebundener Form. Dazu kommen etwa 100.000 Pressefotografien der Zeitungen Der Tagesspiegel und Der Abend. Zwei Jahrzehnte lang waren die Sammlungen für Forschungen und private Recherchen als Präsenzarchiv zugänglich. Zeitgeschichtliche Projekte und Kooperationen mit Universitäten und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen fanden statt, und engagierte Mitarbeiter:innen waren in der politischen Bildungsarbeit aktiv.

Das Berlin-Brandenburger Bildungswerk organisierte auch die Erfassung der Bestände. So konnten beispielsweise überlieferte Findhilfen in digital durchsuchbare Formate transferiert werden. 1.906.786 Artikel wurden in jahrelanger systematischer Arbeit in einer Datenbank erfasst und sind nun unter www.zga-berlin.de recherchierbar. Gemäß deutschem Urheberrechtsgesetz können erfasste Zeitungsartikel dort auch als Printkopien bestellt werden.

Doch die Erhaltung des Zeitgeschichtlichen Archivs für die Zukunft steht auf dem Spiel. Die Bewahrung der Sammlung und die Aufarbeitung seiner Bestände waren dem Verein – als arbeitsmarktorientiertem Beschäftigungsträger – nur mit Hilfe von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen möglich. Dieser Geschäftsgrundlage ist inzwischen die Basis entzogen worden. Auch der Standort der Sammlung in Berlin-Marzahn wird zukünftig nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Sammlungen des Zeitgeschichtlichen Archivs brauchen daher dringend eine neue Trägerschaft. Mit der großen Bandbreite der dort versammelten Presseartikel und dem hohen Grad der archivalischen Erschließung sind die Sammlungen höchst anschauliche und alle gesellschaftlichen Bereiche umfassende Zeugnisse der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte. Ein bedeutender historischer Wert, den es zu sichern gilt.