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Zeitgeschichtliches Archiv

30 Januar 2023

In den Jahren 1994 bis 2022 konnte das BBB e.V. die unikaten Presseartikelsammlungen bedeutender Institute zur deutsch-deutschen Geschichte für eine wissenschaftsbasierte Zukunft retten. Das gelang fast dreißig Jahre, aber nur im Kontext unserer einstigen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. Unsere Möglichkeiten sind mit diesen nun zu Ende. Zu übergeben ist vor diesem Hintergrund dieser Archivbestand, restauriert und nunmehr mit PC nutzbaren historischen Findhilfen und einer Datenbank mit 1.918.416 Presseartikeln und diese in ungewöhnlich tief strukturierter Erfassung. Hinzu kommen Jahrgänge gebundener Zeitungen.

Achtung! Ab dem 7. März 2022 beendeten wir das Versenden von (Print-)kopien auf Rechercheanfragen und ebenso die Betreuung von Nutzern unseres Präsenzarchivs. Das Zeitgeschichtliche Archiv ist für den Publikumsverkehr geschlossen. Die ganze Kraft der wenigen hier ehrenamtlich Tätigen gilt jetzt letzten Ordnungsaufgaben in der Sammlung, für die Übernahme durch einen neuen Träger.

Zum Wert der Sammlungen: Die Zeitungsauschnittsammlungen des Zeitgeschichtlichen Archivs (ZGA) entstanden systematisch und praktisch geordnet, um zu jedem Problem deutsch-deutscher Entwicklung, jederzeit schnell und ausgiebig Schrifttum und Beurteilungen bei der Hand zu haben. Alles was Deutsche im jeweiligen Abschnitt der Zeitgeschichte bewegte, widerspiegelt sich hier bis in Einzelheiten. Ein kulturgeschichtliches Bild von 1945 bis 1992! Und: Es gibt kein quantitativ und qualitativ vergleichbares Pendant zu diesem Archiv. Mithin, ein schützenswertes Kulturgut, dieses ZGA!

Die naturgemäß inhaltliche Fokussierung der Sammlungen, ihr Dossier-Charakter, kann durch nach Nummern/Jahrgängen geordnete Zeitungen, auch vernetzt durch Algorithmen, selbst mit der Künstlichen Intelligenz (KI) lernfähig, nicht erreicht werden. Warum? KI kann die geistige Arbeit der zeithistorischen Lektoren Arbeit, damaliger Spezialisten mit ihrer natürlichen Chronistenfunktion deutsch-deutscher Entwicklung, nicht ersetzen.

In chronologischer Reihenfolge liegen alle Stimmen zu einem Thema vergangener Debatten und Argumente in den ZGA-Ausschnittsammlungen vor. Diese Sammlungen wurden so selbst zu einem historischen Dokument. Deren Qualität ist auch dadurch beeinflusst, dass Zeitungen seinerzeit noch eigene Nachrichtennetze unterhielten und auf in hohem Umfang eigene Recherchen festgelegt waren. Ungeachtet dessen waren diese Zeitungsauschnittsammlungen immer ein besonderes Beobachtungsinstrument zur Speicherung der jeweiligen Gegenwart im doppelten Deutschland, aus eigener und der jeweils anderen Sicht, gleichsam der feindlichen Presse.

Der Auskunfts- und Bedeutungswert der ZGA-Sammlungen ergibt sich aus der jeweils historisch konkreten Dimension eines Themas, aber auch daraus, inwieweit er als Instrument einer interessengeleiteten Beeinflussung diente. Zeitungen waren immer auch Instrument der Inlandspropaganda und der Beeinflussung der Volksstimmung. Mit dem ZGA wird ein zeitgeschichtlicher Blick ermöglicht in die seinerzeitigen deutsch-deutschen Interessenlagen und ihrer Akteure und deren unterschiedliche politisch ideologische Richtungen. Und das vergleichsweise authentisch, widerspiegelten Zeitungen seinerzeit doch viel mehr öffentliches Interesse, als veröffentlichte Meinung der Zeitungsinhaber. Hinzu kommt der Blick in Alltag und Kultur dieser Zeit und seiner Menschen.

Auch für das quellenkritische Erkennen der Faktenbasis von zeitgeschichtlichen Entwicklungen, im Zusammenhang mit Propaganda oder manipulativ verbreiteten Nachrichten, erweisen sich diese Zeitungsauschnittsammlungen digitalisierten Zeitungsjahrgängen überlegen. Je länger die Beobachtung einer Sache vermittels der Artikelsammlung anhielt und je größer die jeweils zu Dossiers verbundene Anzahl ausgewerteter Zeitungen und Zeitschriften war, desto deutlicher treten Entwicklungen zu Tage. Zeitungen und Zeitschriften, vor allem in Westdeutschland, unterschieden sich seinerzeit - parteipolitisch, ideologisch, wirtschaftlich gebunden - in der Gewichtung und Interpretation von Nachrichten noch recht deutlich.

Für die Presseartikelsammlungen des ZGA spricht auch, dass einige der Presseerzeugnisse, insbesondere der Nachkriegszeit, als Zeitungsjahrgänge nicht überliefert sind.

Mit der gedruckten Zeitung geht heutzutage eine Ära zu Ende. Mit beginnendem papierlosem Zeitalter ist der Einzelartikel über Suchfunktionen schnell auffindbar, d.h. innerhalb der jeweiligen Zeitung/Zeitschrift. Sicher wird es für Artikel verschiedener Presseorgane zu einem Thema künftig in Zeitungsjahrgänge sammelnden Institutionen auch digitale Verknüpfungen geben können. Dies jedoch für die Neuzeit und in Abhängigkeit vom Vorhandensein wirtschaftlicher und politischer Interessen daran und in Abhängigkeit von der fachwissenschaftlichen Frage des Lektorats unterschiedlichster Schlagwortsysteme, was wiederum eine Frage von Geld und Arbeitskraft ist, mithin von politischem Willen abhängt.

Mit Sicherheit kann davon ausgegangen werden, dass eine denkbare KI-gestützte Aufarbeitung der Jahrzehnte deutsch-deutscher Geschichte aus historischen Jahrgängen überlieferter unterschiedlicher Zeitungen und Zeitschriften die Qualität der thematischen Artikelsammlungen des ZGA nie erreichen wird. Umso mehr gebietet sich die Rettung dieses Kulturgutes ZGA, auch mit Blick auf eine Zukunft ohne die heute noch, wissenschaftshemmend, geltenden rechtlichen Nutzungseinengungen.

 

 

Unser Tag der Archive am 5. und 6. März 2022 war über Erwarten gut besucht. Weit über hundert Interessierte kamen in unser Zeitgeschichtliches Archiv, auch um ihre Solidarität mit dem Bestreben um Erhalt der Sammlungen auszudrücken.

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Unsere Filme für die Webseite des Verbandes deutscher Archivarinnen u. Archivare:

 

H.W1 kl

Film Teil 1 – Fakten&Geschichten (17 min.)

Kiste kl

Film Teil 2 – Kurioses&lebendige Geschichte (23 min.)

Thomas Friedrich2 kl Gemeinsam arbeiten die Kollegen Friedrich vom Tagesspiegel
und Wachowitz vom Berlin-Brandenburger Bildungswerk daran,
die Presseausschnittsammlungen zu retten.
Den Tagesspiegelbeitrag finden Sie hier. (4 Min.)

rbb im ZGA kl


Unserem Berlin-Brandenburger Bildungswerk e.V. gelang es über zwei Jahrzehnte drei bedeutende Presseartikelsammlungen und das historische Tagesspiegelarchiv zu bewahren.  Auch Pressefotos und gebundene Jahrgänge vieler Zeitungen aus Ost und West, von denen etliche längst nicht mehr existieren, fanden Aufnahme in einem ausgedienten Produktionsgebäude in Marzahn. Doch bereits für Ende 2022 war der Abriss des Gebäudes avisiert und auch unser Bildungsverein muss schließen. Mit  Thomas Friedrich vom Tagesspiegel kam die rbb-Legende Ulli Zelle um zu erfahren, ob dieser Schatz noch zu retten ist. Seinen Bericht für die „Abendschau“ vom 4. Dezember 2021 finden Sie hier.

Auch Johanna Treblin vom Tagesspiegel berichtete von unserem Marzahner Archiv und seiner Abwicklung; Arnold Schölzel, Junge Welt schrieb einem ganzseitigen Artikel. Auch Claudia van Laak, die Landeskorrespondentin Berlin für Deutschlandradio kam nach Marzahn und sendete.
Am Standort des Archivs trugen die Berichte das Bezirks-Journals Lichtenberg/Marzahn (Marcel Gäding) und Die Hellersdorfer (Claudia Dressel) sehr zu unserem erfolgreichen Archivtag 2022 bei.
Der Redakteur des Neuen Deutschland, Patrick Volknant, verfasste 2023 einen Artikel zum aktuellen Stand.

 

 

Archiv01Web kl

Das ZGA ist weltweit das umfangreichste Presseauschnittarchiv zur deutsch-deutschen Geschichte. Gesammelt wurden deutschsprachige Presseartikel einer großen Anzahl dafür ausgewerteter ost- und westdeutscher Zeitungen und Zeitschriften. Durch qualifizierte, langjährig tätige Lektoren entstanden so die Sammlungen, nach Themen geordnet und mit System verzeichnet.

Die Besonderheit des ZGA: Der Inhalt der Sammlung umfasst die Themen deutsch-deutscher Geschichte in enormer Breite. Sorgfältig kumuliert und systematisch verdichtet, umfassen sie Politik, Kultur und Alltag in den Besatzungszonen ab 1945, dann in den beiden deutschen Staaten und letztendlich die Transformation gesellschaftlicher Verhältnisse der DDR bis 1992.

1.918.416 Artikel haben wir in unserer Obhutszeit geschafft, in unserer Datenbank für die Internet-Recherche zu erfassen. Das ermöglicht vor Ort in Minuten, einen gesuchten Artikel in dem großen Bestand zu finden. Alles ist auch gut geeignet, um es zu digitalisieren.

Archiv02Web kl