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Zeitgeschichtliches Archiv

29 Februar 2024

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Nach der Wende habe ich über 20 Jahre als Referent in einem ostdeutschen Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung gearbeitet. Das bedeutete, sich im Rahmen der Politischen Bildung auch mit der Zeitgeschichte der DDR und der BRD zu beschäftigen. Auch jetzt noch als Rentner habe ich Interesse dafür. Ich wollte mich also ergänzend Anfang des Jahres informieren, wie die Ost- und Westpresse seit 1949 über prominente Politiker und Kulturschaffende berichtet hatte. Ich versuchte es mit namentlicher Internetrecherche. Zuerst über das Bundesarchiv. Da kam nur, was ich schon kannte: DDR Akten der Legislative und Exekutive sowie Körperschaften und Parteien. Beim Versuch bei der DNB – Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig ging es mir ähnlich, der Verweis auf die ZDB – Zeitschriftendatenbank war erfolglos. Staatsbibliothek sehr kompliziert oder namentlich nicht möglich. Einsicht in das Archiv des „Neuen Deutschland“ (ND) vor 1990 ist nur möglich mit Aufpreis zum Abo. Bei den ehemaligen Zeitungen der „Blockparteien“ versuchte ich es erst gar nicht. Nun gab es Anfang des Jahres eine Begegnung mit Dr. Harald Wachowitz. Wir kamen ins Gespräch über meine erfolglosen Recherchen. Da erfuhr ich, dass unter seiner Leitung seit 1990 in Berlin Marzahn eine sehr große originale Zeitungsausschnittsammlung besteht. Mit anderen Archivbeständen vereint zum ZGA – Zeitgeschichtliches Archiv. Über 1,9 Mio. Artikel in einer Datenbank recherchierbar! Er bot mir seine Hilfe an. Ich besuchte Ende Februar das ZGA und bekam völlig unkompliziert ganz schnell eine große Anzahl ausgewählter Kopien von passenden Artikeln verschiedenster Zeitungen. Ein großes Erlebnis angesichts der kolossalen Arbeit an und in diesem Archiv, im Internet zu sehen. Ich fand das sehr empfehlenswert für Freunde, die ähnliche Interessen haben. Diese Empfehlung war aber wirkungslos. Ich war der letzte Sucher, wurde mir mitgeteilt von Herrn Wachowitz.
Anfang März steht als Aufmacher auf seiner Website des ZGA :

Auflösung des ZGA – die Vernichtung

Beim Lesen der Begründung schüttelte ich den Kopf.
Wie kann das sein? Was läuft da schief? Wo wird Geld verpulvert ?
Die Erweiterung des Kanzleramts soll inzwischen rund 777 Millionen kosten. 100 Milliarden sind für die Aufrüstung des Bundeswehr eingeplant. Die Aktionäre von Rheinmetall reiben sich die Hände…und so weiter und so weiter.
Ich habe einen Verdacht. Wenn ich mich irre, umso besser. Man ist nicht sehr interessiert an der Sicherung der Dokumente. Erstens, weil das ZGA im allgemeinen als zu „linkslastig“ eingeschätzt wurde. Zweitens, weil längere Zeit beschäftigte Amtsträger oder für den öffentlichen Dienst besonders Verpflichtete in Osten und Westen nicht wollen, dass lesbar bleibt, was sie vor Jahren gesagt haben. Eine Alternative und am besten wäre natürlich, er oder sie bleibt sich treu nach dem (wahren!) Adenauerspruch: ."Aber meine Herren, es kann mich doch niemand daran hindern, jeden Tag klüger zu werden."(hier wird oft falsch in der Journaille zitiert: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“)
Das Foto mit dem Container und den zu vernichtenden Akten würde ich untertiteln mit
Bücherverbrennung 23 - kalt und recycelbar

Aktuell habe ich von Herrn Wachowitz erfahren, dass es gelungen ist, auch das hervorragende Presseausschnittarchiv und die dazugehörende Datenbank mit über 1,9 Mio Artikeln an einen geeigneten Ort funktionsfähig umzulagern. Auch private Interessenten übernahmen einzelne Archivalien.
Insgesamt bleibt aber nachhaltig Verlust und Schaden für die politische Kultur in Deutschland

Dr. Martin Just, Prenden 1. Juni 2023