Der Erste Weltkrieg und das Lernen aus der Geschichte

 
2014 jährt sich zum hundertsten Male die Entfesselung des Ersten Weltkrieges. Die in diesem Zusammenhang in den Medien und in der Geschichtsschreibung benutzten Begriffe signalisieren, wie unterschiedlich die Ursachen für die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" - so der verstorbene US-amerikanische Historiker und Diplomat George F. Kennan - interpretiert werden. "Entfesselung" des Krieges meint offensichtlich, dass der Weltkrieg nicht zufällig, sondern absichtsvoll ausgelöst wurde. Es gibt Verantwortliche, ja mit historischer Schuld Belastete für alles das, was an Tod und Elend in den darauf folgenden vier Jahren folgen sollte. Andere sprechen vom "Ausbruch" des Krieges, als sei er, wie bei einer vulkanischen Eruption, unvorhergesehen und unkontrollierbar über die damalige Welt gekommen. Hier scheint sich die Frage nach der Verantwortung für die am Ende etwa 15 Millionen Toten, die noch zahlreicheren Verwundeten und Verstümmelten, für die Vernichtung großer materieller und kultureller Werte nicht oder jedenfalls nicht als ein wesentliches Thema zu stellen.

In den meisten Veröffentlichungen dieses Jahres 2014 und in den Fernsehsendungen, die der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges gewidmet sind, scheint Letzteres der Common Sense zu sein. Da ist meinungsbildend von den handelnden Staatsmännern als "Schlafwandlern" die Rede, die ganz gegen ihren erklärten Willen in den Krieg "hineingeschlittert" seien.1 Eine Sichtweise, die übrigens fast alle damals in der politischen Verantwortung stehenden Politiker in ihren nach dem Krieg publizierten Memoiren verbreiten. David Lloyd George, von Dezember 1916 bis Oktober 1922 britischer Premierminister, schreibt unter der bezeichnenden Überschrift "Man schlittert in den Krieg hinein": "Unter den Herrschenden und Staatsmännern, die allein das Wort zu sprechen hatten, hat, wie man jetzt deutlich sieht, kein einziger den Krieg gewollt."2 Vor allem wird immer nachdrücklicher verbreitet: Eine besondere Verantwortung, ja, die Hauptschuld der Herrschenden im Deutschen Kaiserreich für die Auslösung des Krieges sei, entgegen bisher allgemein akzeptierter Forschungsergebnisse, nicht erkennbar. Für die Exkulpation der politischen, militärischen und ökonomischen Eliten in Deutschland formuliert bereits im "Berliner Tageblatt" vom 12. November 1914 der liberale Reichstagsabgeordnete Georg Gothein die entsprechenden Argumenta- tionsmuster:

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1 Siehe Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, Stuttgart 2013.
2 David Lloyd George: Mein Anteil am Weltkrieg. Kriegsmemoiren, 1. Bd., Berlin 1933, S. 43.